

Markus
Wilfling
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Der Grazer Uhrturm steht für Graz-Touristen ganz oben auf der Liste jener Sightseeing-Objekte, die ihnen schon vor ihrem ersten Besuch unzählige Male in diversen Werbemedien begegnen. Das Wahr-Zeichen der Stadt ist ein Ansichtskartenmotiv erster Ordnung und beliebter Gegenstand jener fotografischen Aufnahmen, die beweisen sollen, dass man an einem Ort war und nicht anderswo. In diesem Sinne fokussiert auch eine der Nozzle-Öffnungen des neuen Kunsthauses den Uhrturm auf dem Schlossberg als Referenzpunkt der Verortung.
Die erhöhte Lage ist eine ideale Bühne für seinen Auftritt als omnipräsentes, pittoreskes Versatzstück Grazer Identität, an dessen Existenz man sich vor 2003 schon mehr als gewöhnt hatte: Der Uhrturm war zum selbstverständlichen Bestandteil der Alltagswahrnehmung geworden.
Genau an diesem Punkt setzt das in den späten 90er Jahren für seine „Schattenobjekte“ entwickelte Konzept von Markus Wilfling an: Er wendet seine Aufmerksamkeit jenen Dingen zu, die im Alltag unter der Wahrnehmungsschwelle liegen. Das kann ein ganz gewöhnlicher Sessel genauso sein wie ein Garderobenständer oder die Gasleitungsrohre und Beleuchtungskörper in einem Raum. Durch die Materialisierung ihres Schattens und die damit verbundene real-gegenständliche Verdoppelung der Objekte wird der Betrachter in seinen Wahrnehmungsgewohnheiten irritiert und damit „aus der Blickverweigerung herausgeholt“ (Wilfling). Wilfling beherrscht die „Kunst des entfremdenden Blicks“, der die Verlötung des Alltagsbewusstseins lockert und so alte wie neue Zusammenhänge zu enthüllen vermag. [1]
Im Fall des Uhrturms kommt mit dem dreidimensionalen Schatten zu den historischen Bezügen des Bauwerks – der Uhrturm als der im 16. Jhdt umgestaltete Rest der mittelalterlichen Befestigungsanlage – ein neuer, zeitgeschichtlicher Aspekt hinzu: Das „bedrohlich-dunkle Pendant“ (derStandard) wird zum Mahnmal für die Schattenseiten der Geschichte einer Stadt, die sich im Nationalsozialismus den Titel einer „Stadt der Volkserhebung“ erworben hat. Diese Bedeutungszuweisung ist vom Künstler nicht intendiert und auch nicht das Ergebnis eines offen gehaltenen Rezeptionsprozesses, sondern das Resultat einer Strategie, die das Schattenobjekt von Anfang an als Bekrönung eines „Berges der Erinnerungen“ interpretiert und promotet. [2]
Die Diskussionen, die in der Öffentlichkeit durch die als temporär konzipierte künstlerische Intervention ausgelöst werden und die überwiegende Akzeptanz dieses prominenten Beispiels von Kunst im öffentlichen Raum Graz führen zu Debatten darüber, ob der „Uhrturmschatten“, über das mittlerweile vereinbarte Jahr 2004 hinaus, bleiben soll. Tatsächlich kann man im Kommentar zu einer entsprechenden online-Umfrage lesen, dass „auch der Zwilling seinen Platz im Herzen vieler Bürger erobert“ hat. [3] Es ist zu hinterfragen, ob diese „Umarmung“ nicht unvermeidlich dazu führt, dass der Schatten, als Wahrzeichen für die Kulturhauptstadt Europas, nun endgültig mit dem Original verschmolzen, wieder in jener Selbstverständlichkeit versinkt, aus der Markus Wilfling den Uhrturm 2003 befreit hat.
Zur geplanten Neuaufstellung des Stahlobjektes in einem Einkaufszentrum in der Grazer Peripherie ist nur soviel zu sagen, dass der Uhrturmschatten zwar, je nach Betrachter-Standpunkt in der Stadt, als täuschend „echter“ Schatten oder als eigenständiges skulpturales Gegenüber erscheinen kann, aber völlig von seinem Vorbild isoliert, nicht mehr das „Schattenobjekt Uhrturm“ von Markus Wilfling ist, sondern bestenfalls ein für Marketingzwecke verwendetes Relikt. [4] Denn wie jeder Schatten ist er an die Präsenz des Objektes gebunden, das er begleitet – ein beziehungsloser, unmotivierter Schatten ist nicht mehr als ein dunkler Fleck.
Update vom 24. 02. 2004:
Der (zuletzt vor allem vom Grazer Tourismusverband forcierte) Verbleib des "Uhrturmschattens", scheitert, aktuellen Zeitungsberichten zufolge, an der Weigerung der Stadt Graz, die Haftung für etwaige Schäden zu übernehmen. Das "Schattenobjekt Uhrturm" soll demnächst abgebaut werden. [5]
Update:
Mitte 2004 wird der "Uhrturmschatten" ins Einkaufzentrum Seiersberg umgesiedelt. Er dient nun als Werbefläche.
BK
[1] Vgl. Horst Rumpf, Die Kunst des entfremdenden Blicks. Der blinde Gewohnheitsblick und sein Widerpart, in: ders., Didaktische Interpretationen, Weinheim/Basel: Beltz-Verlag, 1991, S. 46ff.
[2] Das von den Nazis als riesiger Schutzraum errichtete Schlossbergstollensystem war 2003 Schauplatz der Ausstellung „Berg der Erinnerungen“, in welcher Grazer Geschichte mit Hilfe von der Bevölkerung zur Verfügung gestellter „Erinnerungsobjekte“ präsentiert wurde.
[3]aus: Online-Umfrage ergibt: Uhrturmschatten soll bleiben, in: Kleine Zeitung Online (www.kleinezeitung.at), 11. 07. 2003
[4]Die Betreibergesellschaft der Shopping City Seiersberg hat sich den Schatten als Teil eines Sponsorpaketes gesichert. Dort soll er künftig u.a. einen Gastronomiebereich beherbergen.
[5] Vgl. Michael Saria, Uhrturmschatten wird nun doch abgebaut, in: Kleine Zeitung, 24. Februar 2004, S. 12f.
Literatur:
Kerstin Braun, Das Andere und das Ähnliche. Zu den Schatten- und Spiegelarbeiten von Markus Wilfling, in: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Galerie Eugen Lendl, Graz (Hrsg.), MARKUS WILFLING andersartiges gleichartiges, Wien: triton-Verlag, 2002