

Clegg & Guttmann
|
|
Clegg & Guttmann arbeiten mit einem Kunstbegriff der als „sozialkommunikativer Prozess“ [1] verstanden werden kann. Das Künstlerduo setzt sich nicht nur mit spezifischen urbanen Räumen auseinander, sondern mit der Struktur von Öffentlichkeit an sich.
Mit diesem Arbeitsansatz installieren die Künstler an drei verschiedenen Orten der Grazer Peripherie einfache Bücherschränke, an denen Hinweise zur Benutzung angebracht sind, die das Publikum auffordern, sich ein Buch auszuborgen, nach einer angemessenen Zeit wieder zurückzubringen und den Bestand eventuell mit Bücherspenden aufzustocken. Clegg & Guttmann beschäftigen sich mit den Kommunikationsformen von hierarchischen Machtstrukturen, die sie auch in der traditionellen Vermittlung von Wissen finden, wie sie in Bibliotheken passiert. Die Künstler stellen diesen Orten eine antiautoritär organisierte Bibliothek entgegen, als alternativen und unkonventionellen bildungspolitischen Ansatz. Laut den Künstlern sind die Bibliotheken als „Modell für eine direkte demokratische Institution“ zu verstehen, die sich auf ihre Hauptfunktion konzentrieren, „die Bevölkerung mit Lesematerial zu versorgen“.[2]
Die Installation ist nicht als Kunstwerk markiert und kommuniziert in einer Sprache, die kein künstlerisches Verständnis zur Benutzung voraussetzt. Die Bücher stehen den Anwohnern zur freien, uneingeschränkten, selbstverantwortlichen Benutzung zur Verfügung. Die Künstler legen schon im Konzept der Bibliotheken fest, dass diese ohne hierarchische Organisation, Sicherheits- oder Kontrollmaßnahmen oder irgendwelche zusätzlichen Bestimmungen auskommen müssen.
In unbeachtete, teils schwer zugänglichen Raumsituationen eingebracht, markieren die Schränke ‚Unorte’, wie die Verkehrsinsel eines Autobahnstumpfs. In direkter Konfrontation setzt sich die Installation mit dem Sozialgefüge ihres Aufstellungsorts auseinander. Die Künstler geben als ihre Intention an, eine Art Portrait eines bestimmten Stadtteils entwerfen zu wollen. Dabei steht für die Künstler im Mittelpunkt das künstlerische Vakuum zu verlassen und interdisziplinär zu arbeiten.
Der unsteuerbare Verlauf des Projekts ist Teil der Konzeption als offenes Kunstwerk. Von den drei Schränken ‚funktioniert’ einer über die Dauer von drei Monaten, ein anderer ist nach sechs Wochen leer geräumt, der dritte wird mutwillig zerstört.
Die Installation im öffentlichen Raum wird durch eine Ausstellung im Grazer Kunstverein ergänzt und für ein Kunstpublikum aufbereitet. Dieses ist aufgefordert, den Kunstraum zu verlassen, um die Erfahrung des Werks zu vervollständigen.
So schafft die Installation zwei Öffentlichkeiten: die Kunstinsider im Zentrum der Stadt, von denen nur wenige sich den weiten Weg in die Peripherie zumuten, um sich das eigentliche Projekt anzusehen, und ein Publikum, für die der Kunstkontext irrelevant ist.
Die philosophischen Überlegungen des Künstlerduos zu den Offenen Bibliotheken beginnen bei der Frage, die sich schon Marcel Duchamp vor etwa 90 Jahren stellte: Welche institutionellen Bedingungen vorhanden sein müssen, um aus einem Objekt ein Kunstwerk zu machen?
Ort und Art der Präsentation stellen das Werk in einen diskursiven Kunstkontext und unterscheiden das Werk von einer rein sozialen Intervention. Clegg & Guttmann siedeln ihre Installation an einer Bruchstelle in der Wahrnehmung zwischen gesellschaftspolitischer Aktion und künstlerischer Skulptur an. Die Künstler sehen die Hauptfunktion von Kunst in einem Diskurs über Entwicklungsmöglichkeiten von Kreativität und Freiheit. [3]
Clegg & Guttmann setzen ‚Die offene Bibliothek’ in Hamburg und Mainz in weiterentwickelten Varianten fort, in denen die Aktion auch durch soziologische Studien begleitet wird. In diesen Projekten spiegelt sich ebenfalls die ganze Bandbreite unreglementierter sozialer Interaktion wieder, von völliger Zerstörung bis zu begeisterter Annahme, wie Bürgerinitiativen zur Fortsetzung des Projekts.
[1] Achim Könneke, Clegg & Guttmann: Die Offene Bibliothek. Beispiel einer erweiterten Kunst im öffentlichen Raum, in: Clegg & Guttmann, Die Offene Bibliothek, hrsg. von Achim Könekke, Hamburg 1994, S. 8.
[2] Clegg & Guttmann, Bemerkungen zur Offenen Bibliothek, in: Clegg & Guttmann, Die Offene Bibliothek, hrsg. von Achim Könekke, Hamburg 1994, S. 27.
[3] Clegg & Guttmann, Bemerkungen zur Offenen Bibliothek, in: Clegg & Guttmann, Die Offene Bibliothek, hrsg. von Achim Könekke, Hamburg 1994, S. 30.
EM