

Flora
Neuwirth
|
Corporate Design für den Lendplatz: Website, Plastik-Tragtaschen, Logo, Netzvinyl-Werbespannplakat
Copyright: Flora Neuwirth
Im April 2002 kann man am Grazer Lendplatz beobachten wie am dortigen Bauernmarkt Gemüse in pink-farbige Plastik-Einkaufstaschen gepackt wird, die mit der Aufschrift www.lendplatz.at bedruckt sind. Am Feuerwehrturm ist ein Plakat mit dem Hinweis auf dieselbe Internet-Adresse und einer Darstellung von einkaufenden, miteinander kommunizierenden, pinke Tragtaschen haltenden Menschen angebracht. Steigt man unter www.lendplatz.at ins Internet ein, findet man sich auf einem virtuellen Marktplatz wieder: Ein Stadt- bzw. Lageplan und ein Panoramabild des Lendplatzes verweisen auf die reale örtliche Situation, Geschäfte werden mit Texten und Bildern „portraitiert“, in einem virtuellen Bazar kann ge- und verkauft werden, ein Kaffeehaus lädt zum Chatten ein, in einer Rubrik „News“ wird man u.a. über am Platz stattfindende Veranstaltungen informiert, und schließlich kann man in einem „Lendplatzspiel“ versuchen, sich in die Highscoreliste einzutragen. Die Geschichte des Lendplatzes wird auf der Website ebenso dargestellt wie die Entstehung des Projektes www.lendplatz.at selbst. [1]
Im Jahr 2000 gewinnt Flora Neuwirth den von der Stadt Graz ausgeschriebenen, geladenen „Kunst und Bau“-Wettbewerb im Rahmen der Neugestaltung des Lendplatzes einstimmig. Das ursprüngliche Konzept sieht die Entwicklung einer „sozialen Skulptur“ für den gesamten Lendplatz vor, von der die örtlichen Wirtschaftstreibenden und die im Bezirk lebenden Menschen gleichermaßen profitieren sollen:
Ein dreiteiliges „Corporate Design“-Konzept soll umgesetzt werden, dessen Basismodul die professionell gestaltete Homepage www.lendplatz.at ist. Für die als Erweiterung des Projektes im Realraum eingesetzten Tragtaschen wählt Neuwirth die Signalfarbe Pink (Magenta) aus dem Spektrum ihres F.N.SYSTEMs. Jeder einzelne Plastik-Einkaufssack soll sowohl zu einem Zeichen für den Platz als auch zu einem Werbeträger für die dortigen Betriebe werden. Im Idealfall erfolgt durch die Lendplatzbesucher die Verteilung der Tragtaschen in der Stadt, womit eine Identifikation des Ortes weit über den unmittelbaren Platz hinaus erreicht werden kann. Dritter Teil der Konzeptes ist ein LED-Bildschirm, der an einem markanten Ort am Platz (dem Feuerwehrturm) angebracht werden soll. Hier sollen nicht nur die Teile der Homepage in einem bestimmten Rhythmus online zu sehen sein: Website und LED-Screen werden, wie auch die Plastiksäcke, von Neuwirth von Anfang an auch als Trägermedium und Plattform für andere Kunst- und Kulturprogramme gesehen. Ein entsprechendes Finanzierungskonzept über Werbeeinschaltungen wird von ihr ausgearbeitet.
Diesen Charakter eines „offenen Kunstwerks“ betont auch die Tatsache, dass sich Flora Neuwirth bewusst auf keine Laufzeit des Projektes festlegt. Idealerweise sieht sie ihren Anteil am Projekt www.lendplatz.at als infrastrukturelle Grundlage, deren weitere (Um)Gestaltung in die Hände der Nutzer des Lendplatzes und anderer KünstlerInnen gelegt wird.
Die Wettbewerbsjury begründet ihre Entscheidung damit, dass hier ein beispielhaftes Kooperationsmodell von Kunst und Wirtschaft vorgeschlagen wurde, das „als soziale Skulptur künstlerischen Anspruch mit einem hohen sozialen Wert verbindet“. [2] Der vereinheitlichende, identitätsstiftende Aspekt des Projektes ist für einen Platz / einen Bezirk von besonderer Bedeutung, der von einer mehrspurigen Ausfallsstraße Richtung Bahnhof zweigeteilt wird und zum Zeitpunkt des Wettbewerbs noch von einer problematischen sozialen Struktur („Red light district“) geprägt ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Stadt Graz damals bereits seit 5 Jahren eine Werbeagentur mit einer Imagekampagne für den Platz beauftragt hatte. Einer der Mitarbeiter dieser Firma sollte, bis zu seinem Ausscheiden aus der Agentur, im weiteren Projektverlauf einer der wenigen, in Verbindung mit der Stadt stehenden, kooperationsbereiten Partner für die Umsetzung des Konzeptes von www.lendplatz.at werden.
Denn als es um die Realisierung des Projektes geht, schalten sich der Planungsstadtrat und der Stadtbaudirektor ein: Die Entscheidung der Jury ignorierend, wird die Umsetzung des, schon in der ersten Runde ausgeschiedenen, Wettbewerbsbeitrags von Melitta Moschik forciert. Hauptargument ist dabei der Wunsch nach einem „bleibenden Zeichen“. [3] Nach massiven Protesten – u.a. sieht sich Emil Breisach dazu veranlasst, seine Funktion im Beirat für Kunst im öffentlichen Raum auszusetzen – lenkt Stadtrat Josel insofern ein, als beide Beiträge umgesetzt werden sollen. [4] An der ausschließlichen Unterstützung des vom FPÖ-Stadtradt bevorzugten Projektes durch das Stadtbauamt ändert das freilich nichts. [4] Das mag ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Stimmung am Platz anfangs gegen die Arbeit von Flora Neuwirth gerichtet ist. Bei einem in den Sozialraum eingreifenden Kunstprojekt, das nur „funktionieren“ kann, wenn sich alle Beteiligten intensiv um die Vermittlung der Inhalte bemühen, ist bei einem solchen Einstieg das Scheitern vorprogrammiert. Nur zögerlich finden sich dann auch Geschäftsleute, die mit dem Team von Flora Neuwirth kommunizieren und sich am Projekt beteiligen wollen: Als das Projekt im April 2002 schließlich offiziell eröffnet wird, sind es 60 von 254 Wirtschaftstreibenden. So zeigt sich etwa der Direktor der Steiermärkischen Sparkasse interessiert und stellt u.a. den Lagerraum für die 100.000 Plastik-Einkaufssäcke zur Verfügung. Die LED-Wand wird aus Kostengründen durch ein Werbespannplakat ersetzt, der im Konzept vorgesehene Anbringungsort am Feuerwehrturm (Keplerstraßenseite) steht allerdings nicht mehr zur Verfügung, weil dort bereits die Wappen der örtlichen Feuerwehr angebracht wurden.
Nach ungefähr einem Monat Laufzeit, in der es zwar zu positiven Reaktionen, aber zu keiner Eigeninitiative kommt, werden keine Plastiksäcke mehr verteilt, das Werbeplakat wird einige Zeit später entfernt. Nach einem Jahr geht auch www.lendplatz.at offline, weil die Hosting-Gebühren von der Stadt Graz nicht mehr übernommen werden.
BK
[1] homepage: althaler + oblasser, text: matthias goldmann
[2] Dr. Getrude Celedin, Kulturamt der Stadt Graz, Vorsitzende der Jury
[3] Vgl. Hans Andrej, Kunst für den Lendplatz: Temporär und bleibend..., in: Kleine Zeitung, 06. 05. 2000
[4] Vgl. Walter Titz, Ungeliebter Grazer Kunst-Beirat. Beiratsmitglied Emil Breisach will nicht mehr als Alibi herhalten, in: Kleine Zeitung, 10. 05. 2000