

Freilegung von Ziegeln der in der "Reichskristallnacht" zerstörten Grazer Synagoge
Copyright: Fedo Ertl
Unter dem Titel „1938/83“ setzt Fedo Ertl 1983 ein Zeichen gegen das Vergessen. Im Rahmen des Forum Stadtpark-Projekts “Die Schöpfer Gottes“ entfernt er einen schmalen, vertikalen Streifen Verputz von einer Mauer in der Alberstraße und legt mit den Ziegeln der in der „Reichskristallnacht“ zerstörten Synagoge – fünf Jahre vor dem offiziellen Gedenken – ein verdrängtes Kapitel der Grazer Geschichte frei. Der Intervention, die das Denkmal als sensible Geste abseits jeder Monumentalität neu interpretiert, stellt er eine Tafel zur Seite, die auf den Ursprung der Ziegel im historischen Kontext hinweist und das „Mahnzeichen“ den Grazer Juden widmet:
"1938: die Nacht vom 9. auf den 10.November ist durch die Brandschatzung hunderter Synagogen in Deutschland und Österreich die mit dem Stempel der Reichskristallnacht gleichsam gebrandmarkte Stelle einer verbrecherisch verschuldeten Ära./ Absurd genug: zementierte doch der nationalsozialistische Greuel aus dem, was er blutig seinem Boden gleichmacht, andernorts wieder ein Mahnmal seiner Machenschaft: diese Mauer. Sie wurde mit den Ziegeln der 1938 zerstörten Grazer Synagoge 1939 errichtet. Ein Tempel für die heute in Graz lebenden siebzig von ehemals zweitausend Juden. / Ein: Tempel 1983.“
Im Forum Stadtpark setzt Ertl die Erinnerungs-Arbeit fort, indem er Faksimile-Reproduktionen von Tageszeitungen zeigt, die den Besuchern der Ausstellung die manipulative Darstellung der Ereignisse aus nationalsozialistischer Perspektive vor Augen führt:
„Unter Protestrufen zogen die Gruppen dann zur Synagoge und zum jüdischen Amtshaus auf dem Marburgerkai. Beim Angriff der empörten Masse ging der Bau, der jedem Volksgenossen eine Beleidigung des gesunden Volksempfindens war, in Flammen auf. Der Judentempel und das neben ihm stehende jüdische Amtshaus brannten bis auf die Grundmauern nieder. Für Graz ist damit durch den Volkswillen das Problem der provokatorischen Vorhandenseins eines Judentempels eindeutig gelöst.“ [1]
Den Katalogtext nützt Ertl zur Dokumentation der historischen Fakten, von der Befürwortung des „Anschlusses“ durch die führenden Vertreter der christlichen Kirchen, über die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in der „Stadt der Volkserhebung“, die Zerstörung der Synagoge, des Amtshauses und der Zeremonienhalle bis zur Deportation der 350 im November-Pogrom verhafteten Menschen nach Dachau. [2] Ertls Darstellung stützt sich auf sorgfältige historische Recherchen und zahlreiche Interviews mit jüdischen Zeitzeugen.
Diese Gespräche führen auch dazu, dass Ertl, den Konsens mit den Betroffenen voraussetzend, von seinem ursprünglichen Konzept Abstand nimmt, die Grundmauern der Synagoge am Grieskai freizulegen und so die Diskussion über eine mögliche Wiedererrichtung des jüdischen Tempels in Gang zu bringen. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde fürchten um den Schutz der Anonymität; eine Angst, die vor dem Hintergrund einer im Katalog angeführten Studie verständlich ist, die antisemitische Tendenzen in Österreich in ernüchterndem Ausmaß belegt.
Unter den Augenzeugen, die nicht namentlich genannt werden wollen, ist die Frau des Leiters der Israelitischen Kultusgemeinde vor und nach dem Krieg, die Ertl auf die Mauer in der Alberstraße aufmerksam macht: „Ich weiß, diese Wand besteht 100%ig aus Ziegeln vom Tempel. Mein Mann hat es 100mal erzählt, allen, wenn wir vorbeigegangen sind zum Glacis oder in die Leonhardstraße: „Siehst du, das hier, das ist unser Tempel.“ [3]
„1938/83“ wird vom Land Steiermark als „Kunstwerk auf Zeit“ genehmigt. Nach internationalen Presseberichten entscheidet man sich dafür, die Installation vor Ort zu belassen, um sie im Gedenkjahr 1988 auf Initiative des Kulturstadtrats Strobl, der sich auch für die Wiedererrichtung der Synagoge einsetzt, in das Denkmalschutzprogramm der Stadt Graz aufzunehmen. Im selben Jahr scheint ein Brandanschlag auf Hans Haackes Beitrag zum Projekt “BEZUGSPUNKTE 38/88“ („Und ihr habt doch gesiegt“) die Notwendigkeit der Erhaltung des „Mahnzeichens 1938/83“ zu bestätigen.
1990 schreibt das Land Steiermark einen geladenen Wettbewerb für ein neues Amtsgebäude in der Alberstraße aus und verpflichtet die teilnehmenden Architekten, sich mit einem Künstler für „Kunst und Bau“ zusammenzuschließen. Raimund Abraham nominiert Fedo Ertl und schlägt vor, jenen Teil der Mauer, in dem sich die Installation befindet, zu erhalten und in den Neubau zu integrieren. Die restlichen Ziegel sollen, einer jüdischen Tradition entsprechend, begraben werden. Abraham und Ertl planen, über dieser „Begräbnis“-Stätte ein Zentrum zu errichten, in dem die Grazer NS-Geschichte dokumentiert und auf das Erinnerungs-Zeichen in der Alberstraße verwiesen wird. Der Gewinner des Wettbewerbs, Volker Giencke, lehnt die Empfehlung der Jury, Ertls Konzept zu übernehmen, ab. (Das Bauvorhaben ist bis heute nicht realisiert.)
Als 1998 der Neubau der Synagoge im Stadtsenat einstimmig beschlossen wird, informiert man Ertl über den Wunsch der Israelitschen Kultusgemeinde, die Ziegel – dem Vorschlag der planenden Architekten (Jörg und Ingrid Mayr) entsprechend – in den Bau zu integrieren. Grazer SchülerInnen demontieren in einer von Max Aufischer (Kulturvermittlung Steiermark) geleiteten Aktion die Mauer und die Garagen in der Alberstraße und reinigen die Ziegel, die heute, gemeinsam mit den am Grieskai geborgenen Fundament-Steinen des zerstörten Tempels, die Umfassungsmauer der neuen Synagoge bilden. [4] Sie wird am 9. November 2000 der ungefähr hundert Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde übergeben.
Im thematischen Zusammenhang mit der Eröffnung findet im Rahmen des steirischen herbst in der Pfarrkirche St. Andrä die Ausstellung “nadeir=nicht da“ statt, wo Fedo Ertl das Video eines Interviews mit dem Grazer Emigranten Dr. Bader („1938/85“) zeigt. [5]
BK
[1] Die Synagoge aus dem Grazer Stadtbild verschwunden, Tagespost, 11. November 1938, in: Fedo Ertl (Katalogbeitrag), in: Forum Stadtpark (steirischer herbst 83) (Hrsg.), Die Schöpfer Gottes (Kat.), Graz: 1983.
[2] Fedo Ertl, ebda
[3] ebda
[4] Vgl. Wolfgang Sotill, Dem Vergessen auf immer entrissen, Kleine Zeitung, 12. September